*Es kann nicht sein,dass Wohnungen leer stehen.

Steckbrief
16 Mietparteien
1994 Umwandlung in Eigentumswohnungen, Haus verrottet
2011 Plan der Mieter*innen, das Haus mithilfe des Mietshäusersyndikats zu kaufen
2012 verkauft an 2 Ehepaare, 1 Person im Vorstand von Haus & Grund
Entmietungsstrategien: Mieterhöhungen über Mietspiegel, Rauskauf-Angebote, Luxussanierung, Verrottenlassen aller Wohnungen mit alten Mietverträgen, Leerstand

Text
1994 passierte in der Fontanestraße das, was heute immer mehr Mieter*innen zu Recht fürchten. Die 16 Mietwohnungen – es ist ein kleines Vorderhaus – werden in Eigentumswohnungen umgewandelt. Danach passiert lange nichts – keine Sanierungen, kein Kümmern. Der Eigentümer lässt das Haus sprichwörtlich verrotten.
2011 dann die Neuigkeiten: Das Haus soll verkauft werden, als Objekt zur Kernsanierung. Auch der Eigentümer kann mittlerweile den schlechten Zustand des Hauses nicht mehr leugnen.
Die Mieter*innen tun sich allerdings zusammen und schmieden den Plan, ihr Haus mithilfe des Mietshäusersyndikats zu kaufen. So wäre es nicht mehr dem Immobilienmarkt ausgeliefert, sondern könnte von den Bewohnern selbstverwaltet werden. Frei nach dem Spruch: Die Häuser denen, die drin wohnen. Die Häuser denen, die sie brauchen!
Doch dann folgt die Überraschung: Inmitten der Verhandlungen mit den Mieter*innen wird das Haus 2012 weiterverkauft. Die neuen Eigentümer*innen sind zwei Ehepaare, denen jetzt jeweils die Hälfte der Wohnungen gehört. Die Mieter*innen – viele wohnen dort bereits seit über 20 Jahren – trifft das wie ein Schlag vor den Kopf. Die Angst vor Verdrängung ist plötzlich ganz real. Zwar läuft die Schutzfrist vor Eigenbedarfskündigungen noch bis 2022, doch was passiert danach?
Aber selbst darauf wollen die neuen Eigentümer*innen nicht warten, von denen einer sogar im Vorstand von Haus & Grund sitzt, dem Eigentümer*innen-Schutzverein. Denn was jetzt folgt, sind viele eindeutige Versuche der Eigentümer*innen, die Mieter*innen loszuwerden.
Als erstes wird die Miete erhöht, bis über die Mietspiegelgrenze. Viele der Mieterhöhungen sind zudem fehlerhaft. Stimmen Mieter*innen der Erhöhung nicht zu, werden sie direkt verklagt.
Drei Jahre nach dem Kauf folgt dann die Ankündigung, die Fenster energetisch zu modernisieren. Das heißt natürlich, dass die Miete kräftig erhöht werden kann.
Ein Jahr später folgt die geplante Mieterhöhung, obwohl die Sanierungsarbeiten nicht abgeschlossen sind. Arbeiten bleiben unvollendet, die Außenfenster wurden gar nicht erst neu gemacht. Damit stehen die Mieter*innen der Fontanestraße nicht allein da – der Fachbegriff heißt: gezielte Entmietung. Es werden nur teilweise Arbeiten vollzogen, die das Leben in den eigenen vier Wänden belasten und zunehmend den Stress für die verbleiben Mieter*innen erhöhen. Bewirkt werden soll ein Auszug aus der Wohnung – dann wird kernsaniert und der Quadratmeterpreis steigt um ein Vielfaches.
Auf die Hilfe von Bau- und Wohnungsamt, Bezirksamt und Quartiersmanagement können die Mieter*innen nicht zählen. Statt notwendiger Unterstützung gegen die Vermieter*innen macht es den Eindruck, als arbeiteten die Behörden mit diesen zusammen.
Zwei Mietparteien tun sich daraufhin zusammen und klagen wegen der nicht abgeschlossenen Modernisierung. Jetzt geht der Stress allerdings erst richtig los!
Die Mieter*innen erhalten ein halbanonymes Schreiben der beiden Töchter der Eigentümer. Diese würden gerne im familieneigenen Besitz im Schillerkiez wohnen. Da es ja so schwer ist, in Berlin eine Wohnung zu finden, wäre das doch eine super Lösung. Darauf folgt die Frage, ob die Mieter*innen bereit wären, ihre Wohnungen gegen eine Geldzahlung zu verlassen. Wir finden, dass dieses Verhalten eine bodenlose Frechheit ist. Wenn ihr wirklich erkannt habt, dass es in Berlin ein Wohnungsproblem gibt, dann wärt ihr solidarisch mit allen betroffenen Mieter*innen. Stattdessen versucht ihr, die Situation mit Beziehungen und Geld für euch zu nutzen. Das ist nicht die Lösung, das ist das verdammte Problem!
Doch die Waffen im Entmietungsarsenal sind in der Fontanestraße längst nicht ausgeschöpft: Eigentümer*innen und Mitarbeiter*innen der Hausverwaltung versuchen sich immer wieder unangekündigt Zutritt zu den Wohnungen zu verschaffen. Es sollen allerlei mündliche Vereinbarungen getroffen werden. Arbeiten werden nicht korrekt angekündigt und allgemein wird das Mietrecht nicht beachtet. Wollen Mieter*innen Mängel in den Wohnungen melden, werden diese abgeblockt, Schäden in den Wohnungen und am Haus nicht behoben. Es gibt Wasserschäden, Schimmelbildung an den Wänden, seit Jahren defekte Regenrinnen und nicht schließende Haus- und Hoftüren. Aber es geht noch schlimmer: In den Wohnungen der klagenden Mieter*innen wird hochgiftiges Holzschutzmittel eingesetzt.
Alls wäre all das nicht genug, steht seit Mai 2018 eine Wohnung im Haus in der Fontanestraße leer. Dieser Leerstand wurde Anfang 2019 anonym gemeldet: Denn es kann nicht sein, dass Wohnungen in dieser Stadt leer stehen, während Tausende keine neue Wohnung mehr finden. Um einer Beschwerde wegen Zweckentfremdung von Wohnraum zu entgehen, finden in dieser Wohnung seit Februar umfangreiche Sanierungen statt. Wohlgemerkt, während der Rest des Hauses vernachlässigt wird.

Neueste Entwicklung:
Die leer stehende Wohnung wurde nach einem halben Jahr Luxussanierung von einer WG-Bewohnerin einer anderen Wohnung im Haus bezogen. Bei der Luxussanierung wurden alle nicht tragenden Wände, alle alten Türen, das gesamte Bad, die gesamte Küche und sogar die Heizkörper raus gerissen und neu eingebaut. Die Wände wurden mit Rigips neu aufgebaut, die entfernte Speisekammer aber nicht, also Grundrissänderung trotz Milieuschutz. Die Mieter*innen hatten aber keinen Nerv, sich wieder mit der Bauaufsicht anzulegen. Bei allen anderen Mieter*innen finden weiter kaum Mängelbeseitigungen statt.

Die Bewohner*innen können heute von sich behaupten, informiert und kämpferisch in Sachen Mietrecht zu sein, doch könnten wir uns doch alle schönere Hobbies und Freizeitbeschäftigungen vorstellen. Denn: nach der Arbeit wird das Gesetzbuch gewälzt, Urlaubstage werden für Gerichtstage oder Termine bei der Bauaufsicht genommen, die restlichen Tage in der Mieter*innenberatung und bei Anwält*innen verbracht. Zum Schluss sind alle freien Minuten mit dem Ärger, Wut und Frust über die aktuelle Situation gefüllt.




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