Am Beispiel des Schillerkiezes

Der folgende Text sollte eigentlich in die neue Ausgabe der RandNotizen als Ergänzung des Artikels Der Schillerkiez erwacht aus dem Dornröschenschlaf . Er wird hier nachgereicht.

Die Datenbasis für Veränderungen im Neuköllner Norden ist nicht so gut. Das letzte Monitoring zur Sozialstruktur basiert auf Zahlen bis Ende 2012. Die einschneidenden Veränderungen, was den Austausch von Teilen der Bevölkerung betrifft, geschahen danach. Dann begann der Hype mit den Wohnungen, den steigenden Mieten und dem Zuzug von Besserverdienenden, die sich diese Mieten leisten konnten.

Daten zur Sozialstruktur aus dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung Berlin 2013
Als Beispiel hier der Schillerkiez als Planungsraum 08010117, das umfaßt das Gebiet von der Flughafenstr. im Norden bis zu der Leinestr. im Süden, zwischen dem Tempelhofer Feld im Westen und der Hermannstr. im Osten. Die Bewohnerzahl lag am 31.12.2009 bei 15 170 und wuchs bis 31.12.2012 auf 15 749.

31.12.2009 31.12.2012
Anteil Arbeitslose (SGB II und III) 14,9 12,5
Anteil Langzeitarbeitslose 4,9 3,9
Anteil Transferbezieher (SGB II und XII) 26,7 23,70
Anteil Transferbezieher (SGB II) unter 15 Jahre 65,5 60,88
Im Gebiet des Quartiersmanagements Schillerpromenade ( das Gebiet wie oben, nur im Süden bis zur S-Bahn) lebten am 30.6.2008 20 695 Menschen und bis zum 31.12.2013 stieg die Zahl auf 22 708 . Der Anteil der sog. Migranten veränderte sich nur leicht von 52% auf 50%.

 
Die Mieten
Im Schillerkiez (Postleitzahl 12049 ) sind die Angebotsmieten von 2009 bis 2014 um 89% auf 10 € kalt pro m² angestiegen. Im Reuterkiez ( Postleitzahl 12045 ) beträgt der Anstieg nur 80% auf ebenfalls 10 € kalt pro m². Der Richardkiez (Postleitzahl 12055 ) hat einen Zuwachs von 79% auf 9 € kalt pro m². Teilweise werden Kaltmieten von 12 bis 14 € gefordert, aber wohl noch nicht gezahlt. Im Vergleich zum Anfang 2014 gehen die Forderungen auch wieder herunter, anfängliche Preise von 11 € werden nach wochenlangem Angebot auf Immobilienscout24 auf 9 € gesenkt und sind dann auch gleich weg.
( Zahlen aus: http://www.morgenpost.de/ interaktiv/mieten/article136875377/So-stark-steigen-die-Mieten-in-Berlins-Kiezen.html?config=interactive vom 3.2. 2015 Interaktive Mietenkarte )
Die Bestandsmieten bei schon länger hier wohnenden Menschen liegen überwiegend zwischen 4 und 6 Euro.

Die Gewerbestruktur im Schillerkiez
Das Quartiersmanagement Schillerpromenade (QM) hat von November 2012 bis Januar 2013 eine Gewerbeuntersuchung im Schillerkiez durchführen lassen.
Einige Ergebnisse daraus:

Bei einer Gesamtmenge von 587 Gewerbeflächen ist auf 419 Flächen Gewerbe anzutreffen. Das entspricht ~ 71,4 %.
Von 419 Gewerbetreibenden gaben 285 an, wie lange sie im Schillerkiez ansässig sind. Von ihnen haben 96 in den letzten 3 Jahren, seit Öffnung des Tempelhofer Feldes (2009-2012) ihre Türen geöffnet; das entspricht ~ 33,7%. Hauptsächlich waren das Cafés, Galerien und Einrichtungen für das Körperwohl. Von denen, die ihre Ansässigkeit bekannt gegeben haben, kamen in den Jahren 2000-2009 98 neue Gewerbetreibende in den Kiez; das sind ~ 34,4%. Diese Läden entsprechen am häufigsten dem klassischen Einzelhandel wie zum Beispiel Bäckereien etc. Das heißt ~ 32 %, 91 Läden, des aktuell ansässigen Gewerbes ist älter als 12 Jahre und kann zu den „alten Hasen“ gezählt werden. Dazu zählen hauptsächlich traditionelle Schillerkiezläden wie zum Beispiel Friseursalons, Berliner Eckkneipen oder Blumenläden.

5.2 Stimmungsbild des lokalen Gewerbes
Als Nebeneffekt der Befragung ist an dieser Stelle noch das Stimmungsbild unter den Gewerbetreibenden in Bezug auf den generellen Wandel im Schillerkiez zu erwähnen. Die Gewerbetreibenden nehmen die Stimmung durchaus unterschiedlich wahr und es herrscht ein Zwiespalt zwischen denen, die länger als seit 2010 im Kiez ansässig sind und denen, die erst seit Kurzem (2010-2012) hier ein Gewerbe betreiben. Die „alten Hasen“ wundern sich über das plötzliche Interesse am Schillerkiez seit der Öffnung des Tempelhofer Feldes, wohingegen die neu Hinzugezogenen genau dieses Ereignis als ausschlaggebend für ihre Entscheidung, in den Schillerkiez zu ziehen, benennen. Sie geben an, sie haben den „Neukölln Boom“ erwartet und rechnen mit viel Laufkundschaft aufgrund des Zuganges zum Tempelhofer Feld. Außerdem bezeichnen sie den Kiez als individuell mit einer ausgezeichneten Lage. Anders als die alten Hasen, welche die Mietpreiserhöhungen als Ärgernis empfinden, sagen sie, dass die Mieten im Vergleich zu anderen Teilen verhältnismäßig gering sind. Haben die „Neuen“ Interesse an Vernetzung trifft das auch den Nerv der alten Hasen, die sich beklagen, dass man sich untereinander nicht mehr kennt und die jüngere Kundschaft auch die Nachfrage ändere.
Der Bericht zum Download:
http://www.schillerpromenade-quartier.de/fileadmin/content-media/media/kiez_aktiv/sen/Downloads/2013/Abschlussbericht__online.pdf

Seit dieser Untersuchung sind zwei Jahre vergangen, in denen sich einiges getan hat. Von den alten läden sind noch mehr verschwunden. Die Zahl der Gastronomiebetriebe steigt weiter an. Einige Läden, die zur Zeit der Untersuchung entstanden, sind inzwischen wieder zu und an andere Eigentümer übergeben worden, die neue , teurere Projekte versuchen. Die Pioniere verlassen nun schon den Kiez und machen Platz für Leute mit mehr Geld.




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