Suchergebnisse für 'buschkowsky'

Es geht voran – in der Karl-Marx-Strasse

Am Samstag , den 7. April 2018 machte das Rixdorfer Kiezforum einen Spaziergang zu Orten von Aufwertung und Verdrängung, Protest und Widerstand in Rixdorf. Mehr als 60 Menschen beteiligten sich an dem Rundgang der ohne Generve durch Polizei stattfinden konnte. Am Alfred-Scholz-Platz gab es einen Redebeitrag zu den neuen Entwicklungen in der Karl-Marx-Strasse, den wir hier dokumentieren.

Redebeitrag am Alfred-Scholz-Platz, Kiezspaziergang Rixdorfer Kiezforum am 07.04.18

Sie nennen es „Revitalisierung“. Wir nennen es Verdrängung. Sie sprechen von „Anker-“ oder „Schlüsselimmobilien“, wir fragen: wer darf ankern, wer muss den Anker lichten – muss gehen, wer hat den Schlüssel, wem wird er genommen? Sie nennen es „New Economy“, wir nennen es Prekariat im digitalen Kapitalismus.

Noch unter der Ägide von Bürgermeister Buschkowsky und dem rot-roten Senat wurde 2011 das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße festgesetzt. Das Ziel: die auf „Billig-Niveau“ herabgesunkene Straße im sog. Problembezirk wieder in eine lebendige Geschäftsstraße zu verwandeln, in ein städtisches Zentrum des Handels und der Dienstleistungen. Eine Straße des gehobenen Konsums für neue kaufkräftige Milieus soll sich entwickeln. Soziale Aspekte und Mieter*innenschutz spielen keine Rolle.

Nach Vorstellungen der ehemaligen Bezirksbürgermeisterin Giffey soll „die Karl-Marx-Straße (…) den neuen Ansprüchen von Leben und Arbeiten gerecht werden“. Also werden für Millionen Plätze aufgehübscht, Gehsteige verbreitert, die Fassaden erneuert – als „Vorlage für Investoren“, wie es der damalige Baustadtrat Blesing unverblümt auszudrucken wusste. Von den Noch-Bewohner*innen mit kleinem Geldbeutel ist keine Rede.

Auch die Neugestaltung dieses Platzes hier, des Alfred-Scholz-Platzes, fungiert als jene Investorenvorlage. 2014 wurde er eröffnet. Und die Investor*innen kommen, gerufen durch das Stadtmarketing, die Marke Neukölln und vor allem durch die erhofften hohen Renditen durch Vermietung von sanierten und umgebauten Gebäuden, die lange leerstanden und als Spekulationsobjekte dienten.

Wir stehen hier vor dem ehemaligen Quelle- bzw. Sinn-Leffers-Kaufhaus, das aktuell noch ein Schnäppchenmarkt beherbergt. Dazu gehört auch ein Parkhaus mit 500 Parkbuchten. Ein Investor, die S Immo Aktionsgesellschaft mit Sitz in Wien, baut hier das „101 Neukölln“. Sie hat die sog. Kreativszene als künftige Nutzerin im Blick und baut mit mindestens 30 Mio. einen Mix aus Büros, Einzelhandel, Gastronomie und Fitness, macht zusammen eine Nutzfläche von 22.000 qm. Von zum Teil 6 Meter hohen Bürodecken ist die Rede, von Höfen und einem Garten, und ganz oben ein Café mit Dachterasse und Freilichtbühne. Der Geschäftsführer der S Immo offenbarte seine Inspirationsquelle, nämlich die Event-Gastronomie Klunkerkranich auf dem Parkdeck-Dach der Neukölln-Arkaden. Dort ist treffenderweise auch die Kaufentscheidung gefallen. Von mehreren hundert neuen Arbeitsplätzen spricht der Bezirk, und erhofft sich eine Belebung des ganzen Zentrums. Anfang 2019 soll Eröffnung sein. Mit dem Umbau wurde allerdings noch nicht begonnen.

Etwas weiter oben haben wir die Alte Post mit dem alten Fernmeldeamt. Hier saniert denkmalgerecht und baut die Commodus Real Estate Capital mit Sitz in München und Berlin, für mehr als 50 Mio. „Eine einzigartige Immobilie mit hohem Wertschöpfungspotential“, wird verlautbart. Geplant sind rund 400 Büroplätze, vor allem als hochwertig eingerichtete Co-Working-Spaces für die Start-up-Szene. Hochwertig vermietet durch den größten Hauptmieter im Gebäude, Regus, einem global agierenden Anbieter von komplett eingerichteten „Bürolösungen“ in sog. Business-Centern. Saftige Mietpreise sind auch für die insgesamt 73 neu entstehenden Wohnungen zu erwarten. Mini-Wohnungen sollen im Hof als Neubau entstehen, für Studierende und Young Professionals. Die Maisonette-Wohnungen mit 4-6 Zimmern für Familien kommen in zwei dem Telegrafenamt aufgesetzten Stockwerken unter. 9.000 qm sind insgesamt für Büros, Einzelhandel und Gastronomie vorgesehen. Die Fertigstellung inklusive des Neubaus ist für Ende 2019 geplant.

Der Um- und Neubau hat bereits begonnen.Und hinter der Alten Post steht das C&A-Gebäude – auch diese Immobilie dürfte ein ähnliches Schicksal blühen. Zuletzt wurden dort noch auf mehreren Etagen Geflüchtete auf engstem Raum zusammengepfercht untergebracht. Der sich bisher bedeckt haltende Vermieter und Investor darf bei der Verwirklichung seiner Umbaupläne sicherlich mit großzügiger Unterstützung des Bezirksamtes rechnen.

Es gab für das eine oder andere Gebäude in der Vergangenheit Besetzungsversuche, zum Beispiel für ein „Social Center 4 all“ oder im Rahmen einer 1. Mai-Demo – alles ohne sichtbare geschweige denn bleibenden Folgen. Die kulturellen Zwischennutzungen in der Alten Post blieben Platzhalterinnen für die nun anstehende Zukunftsinvestition eines neuen Neuköllns der Besserverdienenden.

Die Aufwertungsmaschine legt, angetrieben durch die Verheissungen der New Economy, nochmals einen Gang zu. Viele der bisherigen ärmeren Bewohner*innen und Mieter*innen hier werden von dieser tollen zukünftigen Erlebniswelt des Wohnens, Arbeitens und Konsumierens, wie sie ihre Befürworter*innen gern verkünden, ausgeschlossen sein bzw. sind es bereits. Sei es dass sie schon längst verdrängt wurden, sei es dass sie keinen finanziellen oder kulturellen Zugang mehr finden zu ihrer sich wandelnden Nachbarschaft. Modernes hippes Neukölln, das Diversität feiert, aber gerade den ärmeren Menschen aus anderen Kulturkreisen, die den Bezirk geprägt haben, sagt: wir wollen euch nicht! Das immer wieder gern angeführte Ziel einer sozialen Durchmischung der Wohnbevölkerung entlarvt sich als das was es ist: Ideologie. Denn solange Einkommen und Vermögen darüber entscheiden wer wo wohnen darf, können Milieuschutzverordnungen oder Mietpreisbremsen an der Verdrängung nur sehr bedingt etwas ausrichten.

Der geplante Google-Campus in Kreuzberg, der ebenfalls Start-ups Raum geben möchte, wird bekämpft. Nur hier in Neukölln, wo Entsprechendes in noch größerem Maßstab geplant ist und die Auswirkungen auf die Nachbarschaften gemessen an den hunderten anvisierter neuer Arbeitsplätze um ein Vielfaches höher sein dürfte, bleibt es relativ ruhig – bisher.

Gute Wohnungen für Alle – Wir lassen uns nicht spalten

Die Bezirksgruppe Neukölln der Berliner MieterGemeinschaft e. V. hat im Januar 2016 eine gute Erklärung verfasst, die wir hier dokumentieren.

Die Krise bei der (menschenwürdigen) Unterbringung der Geflüchteten ist nur eine neue Facette der Berliner Wohnungskrise. Zwei Jahrzehnte neoliberaler Politik haben u. a. dazu geführt, dass für Menschen mit wenig Geld – egal ob alteingesessen oder gerade nach Berlin geflohen – auf dem Wohnungsmarkt kein Platz mehr ist. Nun droht durch die Einrichtung riesiger Massenunterkünfte in „Leichtbauweise“ für Geflüchtete auf Dauer die Etablierung eines „Wohnungsmarktes zweiter Klasse“. Die Alternative wäre, endlich mit einem fortschrittlichen Konzept für einen neuen kommunalen Wohnungsbau zu gewährleisten, dass alle sich Berlin leisten können. Geschieht dies nicht, wird sich die Lage weiter zuspitzen. Schuld daran sind nicht die Mieterinnen und Mieter (geflüchtet oder nicht), sondern allein die politisch Verantwortlichen.

Die wachsenden Probleme auf dem Berliner Wohnungsmarkt sind seit Jahren zu beobachten und wurden genauso lang ignoriert. Neukölln sticht dabei besonders heraus: Hier gab es mehr Eigentümerwechsel als in anderen Bezirken, weil der Altbaubestand und relativ niedrige Mieten einen besonderen Anreiz für nationale und internationale Investoren bieten, um kräftig an der Mietpreisschraube zu drehen. Die SPD-Bezirksregierung begrüßte diese Entwicklung und erhofft sich davon den Zuzug von Gutverdienern bei gleichzeitiger Verdrängung der ärmeren Bevölkerung, die gerne als Verursacher von Problemen betrachtet wird. Wo in anderen Bezirken längst gegen Zweckentfremdung und Ferienwohnungen vorgegangen wurde, passierte in Neukölln rein gar nichts, weder unter Buschkowsky noch unter der neuen Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey.

Mit der rasanten Zunahme der Zahl von Asylsuchenden in Berlin verstärkt sich natürlich die Nachfrage nach Unterkünften und Wohnungen. Dass sie kaum in bestehenden staatlichen Einrichtungen (Notunterkünften) oder im regulären (öffentlichen) Wohnungsbestand unterkommen können, ist Ausdruck der Spar- und Privatisierungspolitik der letzten Jahrzehnte. Soziale Einrichtungen wurden abgebaut und zusammengestrichen; Wohnungsbestände privatisiert. Alle Reserven wurden mehr als ausgeschöpft. Nur deshalb ist die Not, kurzfristig Unterkünfte zu finden, überhaupt so groß.

Im Moment wird vor allem über die vorübergehende Schaffung von „Unterkünften“ (nicht: Wohnungen) diskutiert. Aber wenn sich an der Wohnungspolitik des Senats nichts ändert, werden diese Behelfslösungen (Zelte, Container, Leichtbausiedlungen) über kurz oder lang zum Standard nicht nur für Geflüchtete werden.

Die „Das Boot ist voll“-Logik, mit der nun einige kommen, ist nicht nur unmenschlich, sondern auch naiv. Nicht die Geflüchteten sind Ursache der Probleme auf dem Berliner Wohnungsmarkt, sondern die Weichenstellungen des Berliner Senats und der Bundesregierung. Die Bundesrepublik ist einer der reichsten Staaten der Welt, die Unternehmensgewinne steigen stetig. Allein die ungerechte Verteilung des Reichtums führt zu angeblichen Sparzwängen der öffentlichen Hand. Wer trotzdem Menschen, die vor schrecklichem Krieg und Elend hierher fliehen, für die Misere verantwortlich macht, tritt nach unten, ändert aber nichts. Je schlechter Geflüchtete untergebracht werden, desto mehr senkt sich der Standard allgemein ab. Sind Gemeinschaftsunterkünfte in Leichtbauweise erstmal etabliert, müssen auch alle anderen Finanzschwachen sie fürchten. Lassen sich alte und neue BerlinerInnen gegeneinander ausspielen, haben es am Ende alle schlechter. Deshalb:
Lassen wir uns nicht spalten!

Es wird gebaut werden, so viel steht fest. Die Frage ist nur: Wie und für wen? Wer möchte, dass der Zugang zu einer guten Wohnung nicht nur Gutverdienenden vorbehalten ist, sollte vom Senat fordern:

  • Sofortige Entwicklung eines stadtweiten Neubauprogramms in kommunaler Hand. Nur so können ausreichend gute und günstige Wohnungen entstehen.
  • Was öffentlich finanziert wird, muss dauerhaft öffentliches Eigentum sein: Keine Neuauflage des Subventionsmodells des alten sozialen Wohnungsbaus und der individuellen finanziellen Unterstützung bedürftiger MieterInnen zum Wohle der Immobilienwirtschaft!
  • Keine dauerhafte Unterbringung von Menschen in Gemeinschaftsunterkünften und per Leichtbauweise errichteten Gebäuden.

Bezirksgruppe Neukölln der Berliner MieterGemeinschaft e. V., Januar 2016
Kontakt: www.bmgev.de

Ein Jahr Volksentscheid Tempelhofer Feld

Grüsse vom Tempelhofer Feld

Postkarte der BI 100% Tempelhofer Feld

Vor einem Jahr haben am 25. Mai 2014 29,1 % der wahlberechtigten Berliner beim Volksentscheid für den Erhalt des Tempelhofer Feldes gestimmt, gegen die Pläne des Senats. 739 124 Menschen, beschimpft als „Egoisten, Fortschrittsverhinderer, rückwärtsgewandte Ökospiesser usw.“ haben es gewagt, sich gegen die Interessen einiger Tausend aus der Immobilien-, Bau- , Politik- und Medienbranche zu wenden , die dort, natürlich völlig uneigenützig, ihre Interessen verfolgten. Dieser Sieg über den Senat ist ein Grund zu Freude und zum Feiern!

Zur Einschätzung dieser Erfahrung stellen wir hier einen Text online, der im Oktober 2014 in der Zeitschrift RandNotizen erschien:

Die Signalwirkung einer Niederlage

„Die menschliche Dummheit ist unendlich“, erklärte der gekränkte Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky am Tag danach in der Bild-Zeitung. Dieses Mal pöbelte er ausnahmsweise nicht gegen Minderheiten, sondern gegen einen Großteil der Wähler*innen Berlins. Ein anderer Berliner SPD-Funktionär, Stadtentwicklungssenator Müller, ließ im Tagesspiegel resigniert vernehmen: „Wir müssen alle mit den Folgen [des Entscheids, die Red.] leben“.Als wäre eine Umweltkatastrophe über die Stadt hereingebrochen.
Wenn zwei sonst so selbstbewusst und kämpferisch auftretende Berliner Sozialdemokraten derart an der Wand stehen, dass ihnen außer Beleidigungen oder Untergangsstimmung nichts mehr einfällt, dann muss der Initiative „100% Tempelhof“ ein herzliches Dankeschön übersandt werden. Auch das sich „pluralistisch“ nennende Magazin Cicero hatte keine andere Analyse zu bieten als „Berliner Faulheit sieht über Sachverstand“ zu titeln. Was war geschehen?
Der Berliner Senat hatte eine klare Niederlage hinnehmen müssen. Am 25. Mai 2014 stimmten 64,3% der Abstimmenden (absolut: 739.124 Menschen) für den Gesetzentwurf der Initiative „100% Tempelhof“, der eine Nutzung des Tempelhofer Feldes ausschließlich als Park vorsieht. Knapp 30 % der Abstimmungsberechtigten haben damit eindeutig gegen die Bebauungspläne des regierenden Senats gestimmt. Zum Vergleich: Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl hatten gerade einmal 17 % der Abstimmungsberechtigten für den „Wahlsieger“ SPD gestimmt.

Dieses deutliche Ergebnis war für viele überraschend. Denn lange sah es so aus, dass der Senat mit dessen professioneller Öffentlichkeits- und Pressearbeit, mit herbeigezauberten Expert*innen oder Studien, durch Bündnisse mit Gewerkschaften, Wirtschafts- und anderen Lobbyverbänden, der überschaubaren Initiative „100% Tempelhof“ wenig Chancen lassen würde. Neben dieser Übermacht an Kontakten, Medienpräsenz und Ressourcen hatte der Senat verschiedene Strategien gefahren: Die Initiative wurde wahlweise ignoriert, als unsachlich-träumerisch und unfair dargestellt, es wurde die Strategie des Teilens und Herrschens angewandt und durch die Parole „100% Berlin statt 100% Stillstand“ drastisch polarisiert.

(mehr…)

Fünf Jahre Schillerkiez

Die „tageszeitung“ beendet heute ihre vor 5 Jahren begonnene Serie über den Wandel im Schillerkiez mit einem Schwerpunkt. Als Bilanz nach fünf Jahren Gentrifizierung schreibt sie Schillerkiez ist überall . Dazu gibt es einen Bericht über die Veränderungen unter der Überschrift Ein Kiez macht sich flott .

Bereits Ende April erschien die neue Ausgabe der Stadtteilzeitung RandNotizen , die nach 5 Jahren auch Bilanz zieht. Ein Text darin schildert ebenfalls im Rahmen eines Rundgangs durch den Kiez die Entwicklungen der letzten Jahre. Wir stellen ihn hier Online.

Der Schillerkiez erwacht aus dem Dornröschenschlaf…
über Aufwertung im Schillerkiez

Ein Rundgang mit dem Stadtteilaktivisten Reiner

Reiner will mir heute über den Wandel im Schillerkiez berichten. Wir stehen an der Ecke Weisestraße/ Herrfurthstraße. Aus der Herrfurthstraße sei eine „Fressgasse“ geworden, beginnt Reiner, mit zum Teil erheblichen Preisen. Viele Alteingesessene können sich das nicht leisten. Entweder stehen draußen keine Preise dran oder wir lesen auf unserem Weg: Lammhaxe 13,90 Euro, Hähnchen 10 Euro, Risotto 10 Euro, Spätzle 7,90 Euro, Flammkuchen 6,90 Euro usw.
Seitdem das Tempelhofer Feld geöffnet wurde, so Reiner, haben sich die Hauptzugangswege zum Feld, die Selchower Straße und die Herrfurthstraße verändert. Gerade bei gutem Wetter strömen Menschenmassen aufs Feld. An den Straßen sind neue Gastronomie- und Modeläden entstanden. Zum Teil hat sich das Gewerbe aus dem stärker gentrifizierten Reuterkiez zum Schillerkiez hochverlagert.
In der Herrfurthstraße zwischen der Weisestraße und der Genezareth-Kirche gab es vor einigen Jahren noch viel Kleingewerbe, wie ein Bäcker, wo sich alle möglichen Leute trafen, von jung bis alt, migrantisch und nicht migrantisch. Inzwischen sind die kleinen Läden weg. Entstanden sind Bürogemeinschaften, Modeläden und Gastronomie. Vor fünf Jahren wurde im Schillerkiez noch ein Gewerbeleerstand beklagt, weiß Reiner. Den gibt es inzwischen kaum noch. Nun wird Wohnraum in Gewerberaum umgewandelt. Das Haus Weisestr. 47 stände jetzt komplett leer, aber das sei eine Ausnahme. Gelegentlich würden vorübergehend noch Wohnungen leer stehen. Auffällig seien auch Baugerüste im Kiez, die die Fassaden „außen aufhübschen, um sie besser zu vermieten oder zu verkaufen“, so Reiner. An manchen Häusern würden auch die Graffities schnell übermalt.

Fressgasse Herrfurthstrasse

„Die Gentrifizierung ist in bereits vollem Gange“

Nun stehen wir an der Kirche. Davor steht eine BücherboXX. „Nimm ein Buch, bring ein Buch.“ verheißt ein Informationsblatt. Und: „Eine kleine Kultur des Gebens und Nehmens“. Wir umlaufen die Kirche. „Gott ist tot!“ hat jemand an die Kirchenwand geschrieben. Die Nächstenliebe manifestiert sich auch an der City Toilette, die auf der Schillerpromenade vor 2-3 Jahren aufgestellt wurde. In Berlin muß man für dieses menschliche Bedürfnis mittlerweile immer öfter bezahlen.
Ob sich das wohl die Trinker an der Schillerpromenade leisten können? Das Grünflächenamt baute ihnen vor Jahren die Tische ab: „Intelligente“ staatliche Lösungen. Mittlerweile sitzen im Sommer Massen an jungen Leuten aus der Mittelschicht mit alkoholischen Getränken vor der Kirche. Manchmal kam auch die Polizei, wenn es bei 70-80 Leuten etwas lauter wurde, so Reiner. Was würden sie wohl tun, wenn 70-80 Trinker aus der „Unterschicht“ sich dort aufhalten würden? Ob die eingesessene ältere Mittelschicht, die im Cafe in der Kirche sitzt, diesen Anblick wohl ertragen könnte? Entscheidend ist immer, wer wo trinkt und wer Kinder hat.
Die Kirche profitiere vom Zuzug vor allem junger Familien, die die Räume der Kirche nutzen. Dort finden Kinderprogramme statt. Allerdings gehe die Oberstufe der evangelischen Schule aus dem Gemeindehaus 2017 heraus, dann will die Kirche das Gemeindehaus verkaufen. Das Haus hat einen großen Saal, der im Schillerkiez gut genutzt werden könnte. Reiner verweist auch auf einen Artikel in der taz. Die Pfarrerin der Genezareth-Kirche, Elisabeth Kruse, sagte der taz: „Die Gentrifizierung ist bereits in vollem Gange“. Im Kindergarten ihrer Gemeinde seien die bildungsnahen Mittelschichtsfamilien inzwischen in der Mehrheit, auch gebe es spürbar mehr Taufen. Anlass zum Jubeln ist das für Kruse nicht: „Wir haben hier alles nebeneinander: soziale Probleme und abends die Englisch sprechenden Touristen.“ ( taz, 24.9.2014).

(mehr…)

Fünf Jahre RandNotizen

Vor fünf Jahren erschien die erste Ausgabe der Randnotizen. Seitdem ist viel geschehen, über vieles haben wir berichtet, manches fand nicht seinen Platz. Eine Zeitung zu erstellen bedeutet viel Arbeit und Geduld. Dazu haben wir wenig Ressourcen und erst recht keine professionellen Redakteur*innen. Ein häufigeres Erscheinen bleibt trotzdem unser Ziel, genauso wie der Aufruf, die Randnotizen zu untersützen, sei es durch eigene Artikel, Übersetzungen oder Anregungen. Fünf Jahre Randnotizen bedeuten auch fünf Jahre Entwicklungen in Kiez, Bezirk und Stadt. Wir wollen einige der Entwicklungen dieser Zeit in Erinnerung rufen.

Kein Ende der Verdrängung in Sicht

Nach fünf Jahren lässt sich sagen, dass die Dynamik von Verdrängung und steigenden Mieten nach wie vor fast ungebremst ihren Lauf nimmt. Und Verdrängung hat viele Gesichter, wie ein aktueller Dokumentarfilm zum Thema zeigt. Doch die Menschen sind einfallsreich und entwickeln einen alltäglich Widerstand im Umgang mit der Verdrängung. Die Communities der Arbeitsmigration können sich noch immer in ihren Innenstadtbezirken behaupten. Das Wohnen ist jedoch mit immer weiteren Einbußen verbunden. Menschen mit geringen Einkommen haben durchschnittlich 30% weniger Wohnfläche zur Verfügung als Menschen mit durchschnittlichem Einkommen. Und der mittlerweile stadtweit angespannte Wohnungsmarkt bietet kaum noch Möglichkeiten eine Wohnung mit niedrigem Einkommen zu finden.
Neu nach Neukölln kommen die jungen Kreativen. Aber aus Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland zieht es auch eine neue Welle Arbeitsmigrant*innen in den Bezirk. So entsteht in vielen Ecken vielleicht der subjektive Eindruck, dass Altes und Bewährtes verschwindet. Daran sind aber nicht die Zuzügler*innen schuld, sondern Stadtpolitik und Wohnungmarkt. Sozialeinrichtungen oder Jugendläden haben geschlossen, die dazugehörigen Mittel wurden von Senat, Bezirk und Jobcenter umgeschichtet. Doch auch das ging nicht immer still vonstatten. So mobilisierten Jugendliche öffentlichen Protest gegen die Schließung der Jugendeinrichtungen in Neukölln.
Heute bedarf es keiner repressiven Einrichtungen wie der Task Force Okerstraße mehr. Im Jahr 2008 hetzten der rassistische Hardliner Buschkowsky, Jugendrichterin Heisig („Richterin gnadenlos“) und die damalige Chefin des Quartiersmanagements (QM) Schillerkiez Frau Schmiedeknecht offen gegen Roma, die laut Task Force in „Problemhäusern“ wohnten. Auch gegen die „Trinkergruppen“ auf der Schillerpromenade wurde zu Felde gezogen. Die Roma wurden aus der Okerstaße verdrängt. Die Trinker*innen behaupteten sich trotz abmontierter Tische. Unterstützung bekommen sie jetzt von den Scharen an Biertrinkenden auf dem Weg zum Tempelhofer Feld. Hier hält sich der Aufschrei des QM dann doch in Grenzen. Denn nicht nur die Spätis sollen verdienen, sondern auch die vielen neuen Kaffees sollen sich füllen, und so für das neue Wohlgefühl im Schillerkiez sorgen.
Viele dieser Entwicklungen verlaufend schleichend. Immer sichtbarer wird aber, dass an vielen Orten bestimmte Milieus und ihre Strukturen verschwunden sind. Der Markt und das Geld regeln die Veränderungen des Kiezes. Aber auch die neuen Ateliers, Bars und Eisläden merken, dass das Bestehen am Markt ein hartes Brot ist, genauso wie die Entlohnung und Arbeitsbedingungen der hippen Selbstständigkeit. Nicht zu vergessen die ebenfalls explodierenden Gewerbemieten. Aber es gibt auch eiskalte Investitionsmodelle wie die Burgerdynastie Schillerburger, über die wir mehrfach berichteten. Trotz des nach außen gepflegten Images des unschuldigen kleinen Ladens konnte das im Hintergrund stehende Kapital aufgedeckt werden. Heute expandiert die Schillerkette in die ganze Stadt hinaus.
Stark verändert hat sich auch die Eigentumsstruktur der Häuser. Die Zahl der Einzelbesitzer*innen sinkt stetig zugunsten der finanzkräftigen Immobilienunternehmen, deren Programm alleine die Rendite ist. Hervorzuheben ist auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Menschen verändert haben, die in den Schillerkiez gezogen sind. Waren es vor fünf Jahren noch die Künstler*innen, sind viele von ihnen nicht mehr im Kiez anzutreffen. Für viele von ihnen ist es heute schon wieder zu teuer. Breit machen sich dagegen Mietwohnungen für 10€/qm oder umgewandelte Eigentumswohnungen und die dazugehörigen Immofirmen und Entmietungsagenturen. Auch der hochpreisige Neubau ist auf dem Gelände der ehemaligen Kindlbrauerei angekommen. Dagegen wird etwa seitens des QMs hartnäckig behauptet, so etwas wie Gentrifizierung fände nicht statt in Nord-Neukölln. Eine kürzliche erschienene Studie begräbt diesen Mythos nun endgültig. Im Postleitzahlbereich 12049 sind die Mieten seit 2009 um 89% gestiegen auf nun 10 Euro kalt pro Quadratmeter. Verdrängung findet also nicht statt?

(mehr…)




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: