Marco ist tot

Am vergangenen Freitag, den 8. Januar 2021, verstarb der obdachlose Marco an seinem Schlafplatz in der Herrfurthstrasse im Neuköllner Schillerkiez. Heute gab es ein Gedenken, an dem sich über 100 Menschen beteiligten.

Gedenken an Marco

Gedenken an Marco

Gedenken an Marco

In diesem Eingang lebte Marco die letzten Monate

Hier ist ein Text von zwei Nachbarinnen:

Wir, zwei Nachbarinnen im Schillerkiez, trauern um Marco, der verstorben ist. Wir haben seine Situation seit Jahren beobachtet, auch die vermeintliche Ausweglosigkeit.

Teilnehmende Beobachtung einer Anwohnerin zum Leben und Sterben von Marco.

Marco war ein obdachloser junger Mann in Neukölln, der im Umkreis vom U-Bahnhof Boddinstraße, Hermannstraße, Herrfurtstraße und Weisestraße auf der Straße lebte.

An ihm kam ich nicht vorbei, denn es ist auch ein Teil meines Radius, mit dem Unterschied, dass ich in einer Wohnung lebe.

Er hat sehr viel Unterstützung und Angebote von Nachbar*innen bekommen oder auch von Menschen, die ihn nur im Vorübergehen wahrgenommen haben. Er ist mit unzähligen Matratzen, Sofas und Decken ausgestattet worden. Doch immer wieder hat die BSR ihm alles unterm Hintern weggenommen und als Müll entsorgt. All die Jahre ist er zu einem Teil geworden, der „dazugehörte“.

Leider haben Menschen wie Marco keine Lobby. Für Menschen wie Marco macht sich kein Gesundheitsstadtrat noch ein Sozialstadtrat die Finger krumm, um ihnen mit ihrem Stab und ihren Möglichkeiten beratend und wohlwollend zur Seite zu stehen.

Der Sozialpsychiatrische Dienst (zuständig Herr Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat in Neukölln) ist seit Juli 2019 unterbesetzt und so gut wie nicht mehr erreichbar.

Das Sozialamt in der Donaustraße (zuständig Herr Jochen Biedermann, Sozialstadtrat in Neukölln) lässt hilfesuchende Menschen bei jeglichem Wetter vor dem Amt Schlange stehen, auch ältere und gebrechliche Menschen und beim Einlass die Körper scannen und Taschen durchsuchen. Dieser Umgang zeigt mir, welche Verachtung diesen Menschen entgegengebracht wird. Und bitte, kommt mir nicht mit Sachzwang und keine Krokodilstränen aus der Ecke.

Denn diese Verwerfungen sind leider kein Thema, wenn z.B. der Herr Biedermann alles dafür tut und sich ins Zeug legt, dass die eher betuchteren oder wohlhabenden Einwohner ihre Häuser, Wohnungen oder Läden kaufen wollen und können.


Für Menschen wie Marco, stellen sich solche Fragen nicht. Obdachlose, wohnungslose Menschen, werden mit der senatseigenen Knüppelgarde aus leerstehenden Häusern geprügelt. Sie erfahren so gut wie keine Unterstützung, um an eine eigene Wohnung zu kommen.Sie sollen und müssen sich unter das Diktat des Staates oder Senats und ihren Handlangern stellen. Sie sollen es nicht angenehm haben. Das ist sozial verkommen.

RIP Marcus

Eine andere Anwohnerin: Marco und das Systemversagen

Marco ist gestorben. Er war obdachlos. Oft, wenn ich in meinem Kiez unterwegs war, sah ich ihn. Zuerst vor allem am U-Bahnhof Boddinstrasse. Nachbar*innen brachten ihm Matratzen, eine Couch und Malutensilien, denn er malte. Immer wieder wurden seine Sachen entsorgt. Immer wieder hatte er Hilfe von Nachbar*innen. Später quartierte er sich in einem Eingang der Herrfurthstrasse ein, dort wurde er vertrieben und lagerte schließlich einen Eingang weiter. Auch hier halfen ihm wieder Nachbar*innen, die ihn mit Decken, Essen und Getränken versorgten. Ich sah ihn auch des öfteren in der Kneipe Syndikat, dort fand er auch am Abend und in der Nacht ein Domizil. Dann kam Corona und das Syndikat wurde auch noch geräumt. Manchmal hörte ich ihn schreien und ich vernahm, das er mit Stimmen sprach. Er war anscheinend psychotisch. Er hatte aber auch lichte Momente, wo Nachbar*innen mit ihm normal sprachen. Er war weder „fremd- noch selbstgefährdend“, dass er nicht zwangseingewiesen werden konnte. Wenn die Feuerwehr kam, sagte er, er wolle nicht mit. Er wollte keine Behandlung. Man könne ihn nicht zwingen, heißt es dann oft.

Wer ist schuld?

Marco schätze ich altersmäßig auf Mitte 30, für meine Verhältnisse noch jung. Mich hat sein Tod ziemlich bewegt. In dem Alter hatte ich die erste psychische Krise, habe ähnliche Erfahrungen gemacht und kann mich gut in ihn hineinversetzen. Ich habe schon seit ein paar Jahren beobachtet, dass Marco mit seinen Stimmen spricht. Soll er etwa noch entscheiden können, was gut für ihn ist? Ich glaube nicht, zu tief ist er in seinem Wahn gewesen. Zwang ginge gar nicht, wird mir dann oft gesagt. Schluss mit der Debatte.

Die Psychiatrie

Ich weiß nicht, ob er durch die Psychiatrie oder wodurch auch immer traumatisiert wurde.

Ich stelle mir Marco vor: Er wäre behandelt worden, ob im Weglaufhaus, der Soteria oder Psychiatrie. Menschen hätten sich um ihn gekümmert. Er hätte dort malen und Musik machen können. Menschen hätten sich darum gekümmert, dass er eine Unterkunft, ein Dach über dem Kopf bekommt. Und da er wahrscheinlich nach so langer Zeit in der Psychose alleine noch nicht klar gekommen wäre, hätte er gute Einzelfallhelfer gehabt, neben Bekannten und Freunden. Er wäre aufgeblüht. Er hätte sein Leben noch vor sich. Aber ich träume gerade.

Die Realität ist eine andere. Obdachlose sind in der Psychiatrie nicht gern gesehen. Eine Frau, die psychotisch war und dabei ihre Wohnung im Schillerkiez verloren hatte, konnte ich überreden und mit einem Taxi zum Urban- Krankenhaus bringen. Hier was wir dort erlebten:

Im Eingangsbereich der Notaufnahme

Ich: Nele* ist psychotisch, spricht mit ihren Stimmen. Sie braucht auch einen Sozialarbeiter, ist obdachlos geworden.

Tätowierte Krankenschwester: Das ist ihre Eigenverantwortung. (Mehrmals faselt sie das Wort Eigenverantwortung.)

Nele trägt eine Adresse ein. Hat keine Krankenkassenkarte, ist aber im Computer registriert.

Krankenschwester: Warten sie!

Wir warten und warten. Nele wird unruhig. Spricht mit ihren Stimmen. Steht auf und geht raus. Kommt wieder.

Ich: Wie lange soll sie denn noch warten? Sie können jemanden in der Psychose nicht ewig warten lassen. Viele rennen doch weg.

Security- Mann: Weil wir noch mehr von der Sorte haben.

Falls die Luft so schlecht ist, geh doch raus, sagt er zu Nele.

Endlich ist sie dran.

Arzt: Wir sind doch kein Obdachlosenheim. Sie kommt doch klar.

Ich: Eben nicht. Wenn sie sie jetzt nicht aufnehmen, werde ich mich beschweren.

Erst daraufhin wurde sie aufgenommen. Geholfen wurde ihr nicht.

Die Eigentumsordnung

Viele werden in der Psychiatrie mit Medikamenten abgefüllt und dann wieder in die Obdachlosigkeit entlassen. Strenge Regeln und Bevormundung hindern sie daran, Notunterkünfte aufzusuchen. Vielleicht wollte oder konnte Marco sich auch nicht dem engen und teilweise repressiven Regelsystem einer Notunterkunft unterwerfen (Alkohol- und Drogenverbot, Verbot von Hunden u.a. Tieren). Auch ist die Situation in den Notübernachtung oft von aggressiv ausgetragenen Konflikten geprägt (z.B. um die vermeintlich bessere Ecke), Kontrolle durch ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitende der Einrichtungen. Konflikte, die vor allem Menschen, die mit ihren eigenen inneren Themen und Konflikten beschäftigt sind, einfach zu viel sind. Manchmal gibt es nur eine dünne Isomatte auf dem nackten Betonboden, manchmal noch nicht einmal das, wenn Mensch zu spät kommt (so z.B. in der Lehrter Straße im Souterain). Da ist dann der Platz auf der Straße das geringere Übel. Obdachlosigkeit im Kapitalismus wird zunehmend normalisiert. Damit wird Angst erzeugt. Zweimal die Miete nicht bezahlt, und schon kann man selbst wohnungslos werden. Die Angst sitzt in den Knochen. Wer einmal auf der Straße sitzt, hat es viel schwerer, jemals wieder eine Wohnung zu bekommen. Und bei dieser Situation auf dem Wohnungsmarkt sind auch viele ängstlicher, Wohnungslose aufzunehmen. Mir geht es auch so.

Ich wohne nun ca. 25 Jahre in Neukölln, die zunehmende Anzahl von Obdachlosen finde ich unerträglich. Ich bin in der DDR aufgewachsen, dort gab es zwar auch Wohnungsnot, aber kaum Obdachlose. Das hatte zwei Gründe. Zunächst hätte man Menschen auf der Straße wie Marco wegen „Asozialität“ in den Knast gesteckt oder in die Verwahrpsychiatrie. Das war schlimm. Andererseits war Wohnen keine Ware. Marco wäre gar nicht auf der Straße gelandet. Wahrscheinlich hätte er in Ostberlin still Wohnraum besetzt oder er wäre irgendwo untergekommen. Auch Alkoholiker, Psychiatriebetroffene und Strafentlassene bekamen in Ostberlin Wohnungen. In der Ostberliner Innenstadt gab es damals eine soziale Mischung. Hätte er eine Familie gegründet, wären seine Chancen gestiegen, eine Wohnung durch die staatliche Wohnraumlenkung zu bekommen. Vielleicht im damals beliebten Plattenbau mit Heizung und Bad, denn die Altbausubstanz verfiel. Er wäre jedenfalls nicht obdachlos. Aber ich träume wieder. Einen wirklichen Sozialismus hat es nie gegeben, aber eine andere Eigentumsordnung. Und da ist heute das Problem.

Die Nachbarschaft hat ihm geholfen, wie sie konnte. Von Betroffenen wird bisweilen Nachbarschaftshilfe als unterstützender erfahren als das institutionalisierte Hilfesystem. Marco wollte sich wohl vom Letzteren nicht helfen lassen. Die Sache ist kompliziert.

Aber wo war eigentlich der sozialpsychiatrische Dienst in Neukölln, wo der Gesundheitsstadtrat

Falko Liecke (CDU), der für „psychisch kranke“ Obdachlose zuständig ist, und wo der Sozialstadtrat Jochen Biedermann (Grüne), der sich um Sozialpolitik kümmern sollte?

Kai Venske, Fachreferent für Wohnungslosenhilfe bei der Caritas, sagt „Was die Hilfe für psychisch kranke Menschen auf der Straße angeht, haben wir gerade ein Systemversagen.“(1)

Statt die Obdachlosen zu zählen, sollte man ihnen jetzt Hotelzimmer zur Verfügung stellen.

Denn: „Nach Informationen des Straßenmagazins Hinz & Kunzt sind in den Tagen seit dem Jahreswechsel bereits mindestens vier obdachlose Menschen in Hamburg verstorben… Bereits im vergangenen Jahr sind mindestens neun Menschen auf der Straße verstorben.“(JW 8.1.21)

Und leerstehenden Wohnraum zur Verfügung stellen! (2)

(1) https://www.tagesspiegel.de/berlin/obdachlosenhilfe-in-berlin-der-sozialpsychiatrische-dienst-in-neukoelln-hat-kein-personal/25595254.html

(2) https://www.berliner-obdachlosenhilfe.de/politische-aktionen/

Update vom 11.1.2021:
Video auf facebook, 10.1.2021 mit dem Redebeitrag auf dem gestrigen Gedenken
For MARCO CRKSN our beloved fool!

Update vom 13.1.2021

ein Text von Julia V. 12.1.2021
R.I.P. MARKUS
A message from your neighbor — to everyone who miss you

Neukölln trauert um obdachlosen Musiker
Tagesspiegel Online, 13.1.2021
Vergangene Woche starb der luxemburgische Musiker Marco Reckinger in Neukölln, zuletzt hatte er obdachlos im Schillerkiez gelebt. Dutzende gedachten ihm am Sonntag.

Kiez trauert um verstorbenen obdachlosen Musiker
Berliner Morgenpost Online, 13.1.2021
Marco Reckinger starb am 8. Januar unbemerkt auf der Straße. Sein Tod zeigt, wie schwer es sein kann zu helfen.

Update vom 14.1.2021
Trauer im Schillerkiez: „Sehr viele wollten Marco helfen, aber er blieb stur“
Facetten-Magazin Neukölln, 14.1.2021





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