Baugruppe Ausbauhaus in Neukölln

Beim Kiezspaziergang vom Kiezforum Rixdorf am 11. Oktober 2014 ging es auch zum „Ausbauhaus Neukölln“ in der Braunschweiger Str. 41, dem ersten Baugruppen-Projekt in Neukölln. Einen ersten Eindruck des fertigen Prachtbaus einer einladenden Trutzburg vermittelten bereits Fotos in dem Artikel Schöner Wohnen mit Baugruppe .
Wir dokumentieren hier (etwas verspätet) den Redebeitrag des Kiezforum Rixdorf zu diesem Haus:

Wir befinden uns hier mal wieder vor dem Gebäude der Baugruppe „Ausbauhaus Neukölln“. Diese schreibt auf ihrer Homepage:

„Die Fassade ist dem Konzept entsprechend schlicht und fügt sich gut in das Straßenbild der Nachbarschaft ein.“

Huch, haben wir uns in der Hausnummer vertan? Denn uns vermittelt diese dunkle, kompakte Trutzburg mit ihren hohen Mauern und schweren Eisentoren das genaue Gegenteil von nachbarschaftlicher Harmonie: nämlich Abschottung, Abweisung. Ein „Du-bist-hier-nicht-erwünscht!“ schlägt uns entgegen. Die Bauweise und Gestaltung erinnert an nur allzu bekannte Modelle von „Gated Communities“, deren reiche Bewohner*innen sich aus Gründen der Sicherheit und der Distinktion baulich abzugrenzen versuchen von einem als „gefährlich“ und „anders“ definierten Umfeld. Überwachungskameras, Doormen, Video-Gegensprechanlage, Überfallknöpfe, Aluminiumrollläden, Alarmglas im Erdgeschoss – mag mal wer nachschauen, ob es das hier auch schon gibt oder vorgesehen ist?

Dieses Baugruppenhaus kommt daher wie eine Sparversion von mehr oder weniger sich abschirmenden Residenzen wie der „Diplomatenpark“, die „Prenzlauer Gärten“ und der „Marthashof“. Solcherart halboffen wie geschlossen gestalteten Wohnanlagen signalisieren neben der sichtbaren wie unsichtbaren Zutrittsverweigerung auch: wir suchen uns unsere Nachbar*innen selbst aus. Wir sind unsere eigene Lebensstil-Enklave. Wir genügen uns selbst, haben aber natürlich überhaupt nichts gegen Euch.

Auch wenn es sich laut Aussage des Projektbüros bei den 24 Wohnungseigentümer*innen dieses Anwesens um ganz „normale“ Neuköllner*innen und Neuneuköllner*innen handelt, darunter Paare, Singles, Junge, Ältere, müssen wir annehmen, dass sie neben der Höhe ihres Einkommens u.a. auch noch ein Weiteres vereint: nämlich das Bedürfnis, das „andere Neukölln“ draußen zu halten. – Wovor fürchten sie sich? Was lässt das Bürgertum oder Neobürgertum sich hinter diesen hohen Mauern verschanzen, was macht ihm Angst? Ist es die Angst angesichts der aktuellen Krisen des Kapitalismus, eine gefühlte Angst, sozial abzustürzen, die sie Räume symbolisch markieren und damit soziale Grenzziehungen vornehmen lassen? Ist es das Bild krimineller und gewalttätiger, auf jeden Fall aber grundsätzlich verdächtiger Plebs, die nach wie vor Neukölln unsicher machen? Oder ist es gar die Furcht vor denjenigen Bewohner*innen Neuköllns, die sich gegen Mietsteigerung und Verdrängung wehren und auch vor manifesteren Protestformen nicht zurückschrecken? Vielleicht geht es gleichzeitig auch um die Scheidung zwischen dem Draußen und dem Drinnen; draußen das hippe, pralle, intensive, urbane Leben, drinnen der private, ruhige Rückzugsort; abgeschirmte Wohnformen als Versprechen gesicherter Urbanität. Wir wissen es nicht wirklich und können hier nur Vermutungen anstellen.

Was wir wissen und wogegen wir vorgehen: Die residentale Seggregation, also die soziale Grenzziehung zwischen Wohnbereichen allein durch das Kriterium des Einkommens, widerspricht der Idee der Stadt als offenes, demokratisches, sozial integrierendes Gemeinwesen. Mit den idealtypischen Kennzeichen von Öffentlichkeit im Sinne von Pluralität, Begegnungen und Spontanität hat diese Architektur jedenfalls nichts mehr zu tun.

Wir bleiben dabei und werden an diesem Ort und mit diesem Beitrag enden müssen wie schon beim letztjährigen Kiezspaziergang: Die klassische Baugruppe bei uns und bei Euch um die Ecke – das freundliche Gesicht der Gentrifizierung. Solange das privatwirtschaftliche Marktprinzip im Wohnbereich dominiert, wird sich die Stadt weiter entlang den Kriterien von Einkommen, Kapital und Profit „sortieren“, wird der Zugang zu Räumen nach dem ökonomischen Leistungsprinzip definiert, werden wir im Fall exklusiver Wohnanlagen wie dieser hier mit einer baulichen Ästethik der Ausgrenzung konfrontiert, wirken Baugruppenhäuser als Marker und Signal für weitere Aufwertungs- und Verdrängungsaktivitäten in ihrem Umfeld. Baugruppentätigkeiten in sog. Problemkiezen führen deshalb auch nicht zu einer idealen, ausgewogenen „Durchmischung“, wie es von der Aufwertungskoalition gern angeführt wird. Vielmehr stellen sie ein kleines Modul innerhalb der großen Verwertungsmaschine dar, welches der angehenden oder bedrohten oder gefestigten Mittelschicht Möglichkeiten verspricht, mitzumischen im Monopoly der Hoffnungen und Ängste, der Besitzstandwahrung und privaten Eigentumsbildung. Die Baugruppe, kein Geschenk für den Kiez, sondern – ein trojanisches Pferd.

Nachtrag:
Ein Wandel ins neue szenige Neukölln hat sich punktuell direkt in der Nachbarschaft zu unserer Trutzburg vollzogen, noch während die Arbeiten auf der Baustelle vorangetrieben wurde: der „Bierbaron“, eine klassische Eckkneipe, in dem in der jüngsten Vergangenheit auch schon Küfas stattgefunden haben, ist mittlerweile umbenannt in „Bierbaroness“. Mit dem Betreiberwechsel wandelte sich auch die Kundschaft. Nun verkehren hedonistische junge Partypeople dort. Wenn das mal keine Nutzer*innenkonflikte gibt! Die sind im Übrigen auch schon in Bezug auf den Bolzplatz und den zu erwartenden Lärmbeschwerden wahrscheinlich schon vorprogrammiert. – Wir bleiben dran.





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